Ohne den Selbstversuch gäbe es keine Medizin, das ist gewiss. Irgendwer muss ja auf die Idee gekommen sein, aus Kamille einen Tee zu machen – und dann die Wirkung zu testen. Gewiss ist auch: Es gab und gibt deutlich gefährlichere Selbstversuche. Auf „Medscape“ finden Sie aktuell einen Artikel, der neun Apotheker und Ärzte benennt, die zumeist Drogen bzw. Betäubungsmittel an sich selbst zuerst getestet haben – oder sich mit der zu erkundenden Krankheit infiziert haben. Nicht jeder Forscher hat überlebt. Der Text ist vom 29.10.2026:
https://deutsch.medscape.com/p11/diashow-9-abenteuerliche-selbstversuche-diese-%C3%84rzte-2026a100151k
Ich habe diesen Text zum Anlass genommen, mich in alten Zeitungen umzusehen, denn auch das ist gewiss: Berichte über Selbstversuche von Ärzten wird es auch immer schon gegeben haben. Was variiert, ist die Ausschmückung, Bewertung und Stilisierung. Im Dezember 1929 wurde ein Aufsatz in mehreren Zeitungen abgedruckt mit der Überschrift „Märtyrer der Wissenschaft. Im Dienste der leidenden Menschheit.“ Zwar bemüht der Text sich deutlich um Sachlichkeit in der Beschreibung der Versuche, stellt aber diesen „stillen“ Versuchen den „marktschreierischen Hungerkünstler“ auf der Hauptstraße gegenüber, um eben das Verdienst des zurückhaltenden Forschers herauszustellen:
„Auch aus dem Gebiete der Physiologie haben die Selbstversuche von Medizinern neue Erkenntnisse erschlossen. Vor allem sind die Experimente beachtenswert, die in Fragen des Stoffwechsels unternommen wurden. Während sich berufsmäßige Hungerkünstler marktschreierisch an den Hauptverkehrsstraßen zu Schau stellten, haben sich in aller Stille fanatisch und ideal der Wissenschaft dienende Aerzte Hungerversuchen unterzogen, die jede Sensationsmache oder Schwindel ausschlossen. Vor einigen Jahren lag eine junge Aerztin über 24 Tage in der Charité und enthielt sich jeder flüssigen und festen Nahrung. Nicht gering ist die Zahl der Aerzte, die sich durch Wochen und Monate den Qualen einseitiger Ernährung unterwarfen.“
Am Ende des Textes erfolgt fast eine Heiligsprechung, die aber zugleich zur Forderung wird:
„Nur die Ausschaltung der eigenen Persönlichkeit und die völlige Hingabe an die Forschung im Dienste der Menschheit kann Wissenschaftler befähigen, ihr eigenes Wohl fremden Leiden zum Opfer zu bringen.“
Als Ärzte im Selbstversuch werden genannt: Dr. Benno Süßkind, der eine Ernährung nahezu ohne Proteine so lange an sich selbst testete, bis es gefährlich wurde. Der Chirurg Hans Kurtzahn, der sich selbst Gewebe von Krebsgeschwülsten eines Patienten einpflanzen ließ. Otto Obermaier, der 1873 an den Folgen eines Versuches mit der Cholera gestorben ist. Auch Albert Calmette, Robert Koch, Max Pettenkofer und Max Moskowski gehören zu den aufgezählten „Märtyern“.
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/4764967
Deutlich martialischer geht es in der Berichterstattung im Jahre 1937 zu. Hier ist die Todesverachtung und das Heldentum absolut gesetzt. Überschrift:
„125 000 Volt durch den eigenen Körper gejagt – Wie heroische Aerzte im Dienste der Menschheit litten und starben“.
In der Einleitung heißt es dann:
„Die ganze Geschichte der Medizin ist ein Hohelied auf das todesverachtende Heldentum wagemutiger Aerzte, das vor allem in der Röntgenforschung in Erscheinung getreten ist.“
Auch dieser Artikel erschien mehrfach – hier ist die Fassung aus der Lippischen Post vom 03.04.1937 zitiert.
https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/18937633
Verstörend erscheint dann eine Überschrift am 25.08.1937, die ebenfalls in den verschiedensten Zeitungen gedruckt wurde:
„Vier Stunden in der Giftgaszelle – Das Hohelied heldenmütiger Einsatzbereitschaft für Wissenschaft und Menschheit – Ein medizinischer Selbstversuch mit tragischen Folgen – Das Cholerafrühstück Max von Pettenkofers“
Auch in diesem Artikel sind mehrere Selbstversuche vorgestellt, die Überschrift täuscht etwas. Vier Stunden in der „Giftgaszelle“ hatte Esther Killick, eine englische Ärztin, zugebracht. Sie wollte die Wirkung von Grubengasen erforschen. Und der Erfahrungsbericht, den die Zeitungen darüber abdrucken, lässt es an Unmittelbarkeit nicht mangeln. Es ist mehr als deutlich, dass dem Autor sehr an der Beschreibung der Wirkung des Giftgases gelegen ist.
„Von außen her geben die Aerzte zu verstehen, daß sie angesichts der Gefährlichkeit der Lage den weiteren Zustrom des Giftgases unterbinden wollen, die Dame in der Zelle jedoch wehrt entschieden ab, es ist ihr unter allen Umständen darum zu tun, die Giftgaswirkungen auch in ihrem weiteren Stadium kennenzulernen. Die Schmerzen verschlimmern sich zusehends, im Gehör der Versuchsperson tobt und dröhnt es, als entlade sich ein Gewitter mit furchtbarster Gewalt. Es ist, als folge ein markerschütternder Donnerschlag fast pausenlos dem anderen. Merkwürdigerweise ergänzt sich aber auch rein optisch dieses Bild von einem schweren Gewitter. Vor dem Gesicht Esther Killicks zuckt es wie unaufhörliches Feuer, so, als jage ein greller Blitz den anderen. Volle vier Stunden lang läßt die junge Medizinerin die Peinigungen des Giftgases über sich ergehen, dann muß die Zelle rasch geöffnet werden, da noch ein winziger Schritt vorwärts den sicheren Tod bedeuten könnte. Man bringt Esther Killick ins Bett, es ergibt sich, daß die heldenmütige junge Frau alle Symptome einer heftigen ernsten Vergiftung an sich trägt. Langsam erst wieder beginnt sich unter der fürsorglichen Hilfe der Berufskollegen der Zustand der Aerztin zu bessern, erst nach vielen Wochen sind die letzten Zeichen der schweren Vergiftung wieder vollends ausgetilgt.“
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/pagetext/1036600
Nach dem Tod von Hans Kurtzahn wird sein Nachruf, der in den gleichgeschalteten Zeitungen mit gleichem Text erscheint, im September 1944 zu einer Sammlung von Heldengeschichten aus der Medizin. Hier der Link zu Geseker Zeitung am 09.09.1944:
https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/16718668?query=%22kurtzahn%20gestorben%22~50
Wie zu erwarten, ist in der Nachkriegszeit der Bedarf an Geschichten über Helden, die sich selbst aufopfern, gering. Als Beispiel mag hier ein Artikel gelten mit der Überschrift „Hände weg von E 605!“ Er steht auf der letzten Seite der Honnefer Volkszeitung vom 11.03.1954. Hier wird nur noch der Name eines Toxikologen genannt, der im Selbstversuch an E 605 gestorben ist, ohne aber als Held der Medizin in die Geschichte einzugehen.
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/4317393
Bis nach der Jahrtausendwende hat der Selbstversuch dann ganz erheblich an Bewunderung und Beweiskraft verloren. Zum Streitfall – und Spektakel – wurde er 2003 vor dem Landgericht München. Damals wollten der Erlanger Gutachter Prof. Ernst Fink und acht Angehörige mit einem Selbstversuch im Gerichtssaal beweisen, dass die Menge Gift, die das Opfer zu sich genommen hat, gar nicht tödlich ist. Der Aufschrei bei Gericht, in der Landesärztekammer und am Ende in den Medien war groß – und der Versuch im Gerichtssaal wurde untersagt. Fink hatte das Gift an sich selbst erprobt – doch wurde das als Beweis nicht zugelassen. Der Selbstversuch war öffentlich zum unzulässigen Menschenversuch geworden – und der Angeklagte, der bereits zuvor wegen Giftmordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, hat das Wiederaufnahmeverfahren verloren.
Der Merkur hat seinen Bericht von 2003 im Jahr 2010 aus dem Archiv geholt und online gestellt, mitsamt der Textsteuerzeichen, die der Wechsel dann so mit sich brachte:
https://www.merkur.de/lokales/pflanzengift-butterbrot-121045.html
Das Spiegel-Archiv hat das tatsächliche Datum, 12.01.2003, zum Artikel gestellt:
https://www.spiegel.de/panorama/gift-fuer-alle-a-40bba062-0002-0001-0000-000026109850
Nur für Fachkreise zugänglich ist ein Artikel in der Medical Tribune, 12.10.2016:
https://www.medical-tribune.de/medizin/allgemeinmedizin/kammer-raet-vor-gift-selbstversuch-ab
Zum Schluss: Erinnern Sie sich noch an das Bild von den Hungerkünstlern auf den Hauptstraßen? Sie waren in der Zeitung von 1929 das Gegenbild zum selbstlosen Forscher im Dienste der Menschheit gewesen. Und heute, fast 100 Jahre später, sind es nicht mehr die Hauptstraßen, die den Menschen als Bühne dienen. Heute zeigt sich jedermann im Selbstversuch auf allen Social-Media-Kanälen. Gewiss nicht nur beim Trinken von Kamillentee. Und ja: Wir könnten auch hier oftmals von unzulässigen Menschenversuchen sprechen.

