Die Rede ist mal von 10 Milliarden, mal von 20 Milliarden Euro, ab und an erweitert auf die Bezeichnung „zweistellige Milliardenbeträge“. Die Schätzung kommt vom GKV-Spitzenverband – und der sucht nun nach diesen geschätzten Schätzen – im Dunkelfeld. Und da die Bildersprache in Wirtschaftsnachrichten mindestens seit den 1970er-Jahren von Journalisten geliebt, gefördert und überfordert wird: Diese geschätzten Milliarden sind mutmaßlich versickert.
Das ist tatsächlich der Kern der Nachricht. Ein entschiedenes Vielleicht im dunklen Blumenbeet der Wörter.
Aber es geht auch konkreter: die geschätzten versickerten Milliarden werden nachrichtlich mal als Abrechnungsbetrug deklariert und mal als Korruption oder auch als Fehlverhalten. Die noch konkretere Nachricht dahinter lautet: Der GKV-Spitzenverband hat jetzt die Dunkelfeldstudie in Auftrag gegeben, die die Justizminister im Jahr 2022 beim Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach angeregt hatten – die es aber nie gegeben hat. Mit Ergebnissen der jetzigen Studie wird frühestens ab 2029 gerechnet. Lauterbach hat gegenüber Report Mainz den Fehler eingestanden – bis hin zu dem Konjunktiv, dass, wäre die Studie damals in Auftrag gegeben worden, der eine oder andere Todesfall hätte vermieden werden können. (Die Aussage finden Sie in der Nachricht des SWR, Link unten.) Aber, so Lauterbach: Es habe Widerstände gegeben.
Soso – Viel ist damit nicht erklärt. Wäre ja schön gewesen zu wissen, wer denn damals Widerstand geleistet hat. Und wo diese Personen jetzt sich aufhalten. Ich schätze mal, die halten sich in einem anderen Dunkelfeld versteckt.
Die Frage, wie die Milliarden-Schätzung zustande gekommen ist, die da die Höhe der versickerten Beträge benennen will, beantwortet übrigens Martin Krasney, Vorstand des GKV Spitzenverbandes, im Deutschen Ärzteblatt: Internationale Studien sind es, die das Dunkelfeld mit 5 bis 10 Prozent der Leistungsausgaben im jeweiligen Gesundheitssystem beziffern.
Unklar bleibt allerdings: Auf welche Länder beziehen sich diese internationalen Studien denn, mit welchen Quersummen oder Vergleichen arbeiten sie? Sind das Durchschnittswerte von Andorra bis Zypern? Aber auch ohne die Kenntnisse der Datenstruktur, die den „internationalen Studien“ zugrunde liegt, dürfte klar sein: Die Kosten und die Strukturen im Gesundheitswesen sind international betrachtet äußerst unterschiedlich.
Es wird also derzeit viel getrommelt, um Licht ins Dunkle zu bringen. Allerdings soll das Licht offensichtlich nicht überall scheinen: Die mutmaßlichen Kosten der Dunkelfeldstudie bleiben nämlich auch im Dunkeln.
Und noch etwas bleibt offen, wenn man die Nachrichten zum Thema sammelt: Wo bleiben die Berichte der Nachrichtenorgane und Zeitschriften, der großen Zeitungen? Das kann doch nicht sein, dass die sich alle vorsichtig aus dem Dunkelfeld heraushalten. Ist also womöglich die ganze Nachricht auch eine große Schaumschlacht?
Der Bericht beim SWR, mit dem Zitat von Lauterbach, ist vom 20.10.2026:‘
https://www.swr.de/video/sendungen-a-z/report-mainz/pm-report-mainz-abzocke-gesundheitswesen-20102026-100.html
Die Apotheken-Umschau hat am 22.10.2026 den dpa-Bericht veröffentlicht:
https://www.apotheken-umschau.de/gesundheitspolitik/betrug-im-gesundheitswesen-kassen-vermuten-ueber-20-milliarden-euro-schaden-1609007.html
Das Deutsche Ärzteblatt berichtet am 22.10.2026:
https://www.aerzteblatt.de/news/betrug-im-gesundheitswesen-gkv-spitzenverband-gibt-untersuchung-in-auftrag-3d05c6d6-2e00-4efc-a3d9-9b36fbd277a2
Die Bild-Zeitung vermischt am 23.10.2026 beherzt Fakten und Kommentar. Wobei man ganz deutlich betonen muss, dass der Autor sich sehr rechtschaffen darum bemüht, den Konjunktiv auch sachlich zu benennen: Die GKV kennt nämlich die Höhe des Schadens nicht annähernd. Und dass es internationale Studien sind, die zu dieser Größenvermutung führen, sagt er im ersten Satz. Seinen Kommentar, dass es bis 2029 verdammt lang ist, wird gewiss auch jeder zustimmen:
https://www.bild.de/politik/inland/milliardenverluste-durch-betrug-kassen-starten-studie-zur-schadenshoehe-6adb0ab7773b23ff64a39fad

