Die gute Nachricht im Kölner Stadt-Anzeiger steht in einer Zwischenzeile:
„Gesundheitsamt Köln meldet keine Corona- oder Influenzawelle“
Tja. In der Kürze liegt die Würze. Sagt man so. Und richtig: In diesem kurzen Satz verbergen sich Wahrheiten, die sich gepfeffert und gewaschen haben! Was ist denn das für ein Gesundheitsamt, das im siebten Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie keine Coronawelle meldet. Gut, es ist das verflixte siebte Jahr. Aber keine Coronawelle zu melden – das grenzt doch an Verschweigen. Und da haben wir es wieder: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Goldig also das Gesundheitsamt in Köln, das die Coronawelle verschweigt.
Nein, die Schuld liegt hier nicht im Kölner Gesundheitsamt – Und auch der Kölner Stadt-Anzeiger hat im Text über die beginnenden Erkältungswelle (19.09.2026) die ganze Wahrheit im Blick:
„Laut derzeitigem Stand meldet die Institution kein ungewöhnlich hohes Auftreten von Atemwegserkrankungen wie Influenza oder Corona, die auch schwere Verläufe nehmen können. Für September liegen dem Gesundheitsamt bisher 13 positive Labormeldungen dieser Erkrankungen im Stadtgebiet vor. Zum Vergleich: Im Monat August waren es insgesamt 17.“
https://www.ksta.de/koeln/trotz-spaetsommer-koeln-hustet-und-schnupft-erkaeltungszeit-hat-begonnen-1375682
Das Gesundheitsamt hat also keineswegs seinen Dienst verweigert, sondern tatsächlich keine Coronawelle gemeldet. Aber wir alle, die wir doch irgendwo noch einen Aluhelm haben müssten, hätten auch gut lesen können: Das Gesundheitsamt meldet die Coronawelle nicht. Aber nein, das stand da nicht. Da stand nur kurz und gut „Das Gesundheitsamt meldet keine Coronawelle“.
Wir lernen: In der Kürze liegt gewiss die Würze, nicht aber die Wahrheit. Die liegt ja bekanntlich im Wein. Und: Kurz ist nicht immer gut. Und schon 1896 würzte der gekürzte Telegrammstil die Tageszeitungen mit Witz: In Aachen hatte ein Geschäftsmann aus Köln seine Geschäfte früher beendet als erwartet. „Komme heute Abend 7 Uhr“ telegrafierte er seiner Frau. Diese verstand die Aussage als Aufforderung und war um 7 Uhr in Aachen, während der Geschäftsmann zu dieser Zeit, wie versprochen, in Köln ankam. Der Fehler ließ sich laut Zeitung am nächsten Tag wiederholen: „Komme morgen früh mit dem ersten Zug“ soll das nächste Telegramm gelautet haben, das eine ähnliche Wirkung zeigte.
https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/search/23963918
Aber wir können dieses Ehepaar einfach an beiden Bahnhöfen stehenlassen. Zurück zur Coronawelle: Sie braucht offensichtlich etwas sprachlichen Umstand, um korrekt erfasst zu werden. Das passt garantiert auch zu Ihrer Erinnerung an die umständlichen Erklärungen um oder mit, wegen oder an, durch oder weil: Die Beziehungen von Corona und Auswirkungen waren ja permanent auf der Suche nach der für sie geeigneten Präposition.
Apropos Präposition: Nehmen wir die mal aus der Grammatik raus ins rein Menschliche. Coronar bleiben wir trotzdem. Bis vor kurzem waren wir alle, die wir über 60 sind, für die STIKO (oder von der STIKO?) prädisponiert, uns jährlich eine Auffrischungsimpfung zu holen. Jetzt hat die STIKO die Prämisse geändert und positioniert uns erst mit 75 Jahren jährlich zur Corona-Impfung. Denn, so die Argumentation, der Großteil der Erwachsenen verfügt mittlerweile über eine hybride Immunität.
https://www.sol.de/corona-nachrichten/stiko-aendert-empfehlung-wer-sich-jetzt-gegen-corona-impfen-lassen-sollte-re-1,766709.html
Oder, um im Sprichwortmodus zu bleiben: Die meisten von uns haben die Nase längst voll von Corona. Sollten Sie aber über 75 Jahre alt sein oder sich trotzdem schützen wollen, gehen Sie zum Münchner Oktoberfest. Dort können Sie sich täglich auf der Wiesn-Wache impfen lassen.
https://www.tz.de/muenchen/stadt/ludwigsvorstadt-isarvorstadt-ort43328/impfservice-in-der-wiesn-wache-stadt-muenchen-schuetzt-besucher-vor-grippe-und-corona-94498909.html
Ja, Sie haben richtig gelesen. Auf der Wiesn-Wache. Aber ist doch logisch. Dort sind 600 Polizisten für die Sicherheit von mehreren Millionen Besuchern verantwortlich, so die Pressemitteilung aus Bayern:
https://www.bayern.de/wiesn-wache-wieder-im-einsatz-bayerns-innenminister-joachim-herrmann-informiert-sich-vor-ort-ber-aktuelle-sicherheitsmanahmen-optimiertes-vorgehen-bei-berfllung-drohnenk/
Kurz und bündig: Corona ist noch immer eine Frage der Sicherheit und geschieht quasi unter Polizeischutz.
Sie sehen, was passiert, wenn man die Würze in die Kürze legt? Was das Sprichwort betrifft, werden Sie auch darüber sprachlich meistens betrogen. Polonius soll es gesagt haben. Im Hamlet. Die Schlegelsche Übersetzung, die als Beleg auch oft herhalten muss, lautet:
„Weil Kürze denn des Witzes Seele ist,
Weitschweifigkeit der Leib und äußre Zierat:
Faß ich mich kurz.“
https://projekt-gutenberg.org/authors/william-shakespeare/books/hamlet-uebersetzt-von-august-wilhelm-von-schlegel/chapter/3/
Shakespeare meinte also gar nicht die Würze, er meinte den Witz. Vielleicht noch die Gewitztheit.
Therefore, since brevity is the soul of wit,
And tediousness the limbs and outward flourishes,
I will be brief.
https://www.folger.edu/explore/shakespeares-works/hamlet/read/2/2/
Kurz ist dann tatsächlich die darauffolgende Aussage. Polonius sagt‘s geradeheraus der Königin ins Gesicht. Hier wieder die Schlegelsche Übersetzung: „Eur edler Sohn ist toll,
Toll nenn ichs: denn worin besteht die Tollheit,
Als daß man gar nichts anders ist als toll?“
Toll, oder? Klar, Hamlet ist nicht verrückt. Er tut nur so. Toller Einfall. Denn, so die Absicht: Der Verrückte sieht mehr und erfährt mehr. Wohin das führt, ist auch klar. Das führt genau in den Wahnsinn, in dem er vorgibt, sich zu befinden.
Seien Sie also vorsichtig, wenn die Sprache kurz wird. Rücken Sie Ihre Brille zurecht – und baden Sie nicht zu lange in der Attitüde des Wahnsinns. Hinterher überrollt sie noch die ungemeldete Coronawelle. Das wollen wir nicht.